2.07.2010

Ab wann muss man Vertrauen hinnehmen? – Ein Kommentar zum Fall „Emmely“

Abteilung: Personal
plietsch & flietig Agentur für Personal
Dennis Timmlau
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Ab wann muss man Vertrauen hinnehmen? – Ein Kommentar zum Fall „Emmely“

Ein Fall, der die Nation bewegt: Kunden hatten zwei Pfandbons im Wert von 1,30 € verloren. Der Filialleiter überließ aufgefundenen Bons der Kassiererin Emmely zur Verwahrung um sie den Kunden bei einer Rückkehr auszuhändigen. Die Kassiererin löste die Bons jedoch selbst ein und minderte damit ihren Einkaufspreis. Das ist ein Vermögensdelikt. Der Arbeitgeber bemerkte das und kündigte das Arbeitsverhältnis, was seit ca. 30 Jahren unter Einbezug von Rechtsvorgängern andauerte. Das Bundesarbeitsgericht wich nun von der seit 1984 (Bienenstichfall) eindeutigen Rechtsprechung ab und gab der Kassiererin Recht. Aufgrund der Dauer des Arbeitsverhältnisses müsse man von einem gefestigten Vertrauen ausgehen, welches durch eine solche Kleinigkeit nicht zu erschüttern sei. Rechtlich bedeutet dies: Abmahnung und Weiterbeschäftigung statt (fristloser) Kündigung.

Egal ob Frikadelle nach einem Empfang, zur Entsorgung bereit stehende Maultaschen, ein Stück Kuchen oder ein Glas O-Saft bei einer Veranstaltung – bisher war ein unerlaubtes Bedienen stets Grund zur fristlosen Kündigung. Der Arbeitgeber kann schließlich nicht überblicken, ob Teile der Belegschaft sich ständig solcher Kleinigkeiten bedienen. Doch wie sagt man im Norden: Kleinvieh macht auch Mist. Und so kann sich eine Selbstbedienungsmentalität bei Kleinigkeiten auf Dauer beachtlich auf eine Organisation auswirken. Jeden Tag ein oder auch zwei Briefmarken für die private Post, hier und da ein Getränk aus dem Besprechungsraum, eine Packung Kopierpapier, ein Schreibblock für die Hausaufgaben des Kindes… Wo hört die Bagatelle auf, wo fängt der unzulässige Eingriff in das Eigentum des Unternehmers / Unternehmens an?

Versetzt man sich in die Lage eines Menschen, der nach sehr langer freundschaftlicher Beziehung vom Gegenüber enttäuscht wurde. Dieser Mensch beendet die Freundschaft womöglich mit den Sätzen: „Das hätte ich nie von dir gedacht – wir sind so lange einen gemeinsamen Weg gegangen. Wie lange das schon so geht, werde ich wohl nur erahnen können“.

Ein Arbeitgeber darf dies nun erahnen, muss diese Enttäuschung jedoch hinnehmen. Er darf „den Zeigefinger heben“ und den Partner weiter unterhalten. Wo führt dies hin?

Das BAG hat ein Urteil ohne Weitsicht gefällt. Ein Urteil, welches das Werteverständnis im Berufsleben ad absurdum führt. Die Gerichte werden in der Zukunft wohl wesentlich mehr Arbeit bekommen um herauszufinden, wo die Grenze zwischen Bagatelle und Vertrauensbruch tatsächlich liegt. Die Arbeitgeber hingegen sind machtlos: Entweder sie installieren aufwendige Sicherheitstechnik wie Videokameras und spionieren Mitarbeiter aus um Missbrauchsfälle aufzudecken oder sie kalkulieren einen vertrauensbedingten Schwund an Sachmitteln von vornherein ein.

Kommentare

Im Gegensatz zum Autoren des obigen Beitrages hat mich das BAG Urteil sehr positiv überrascht.

Es ist in meinen Augen sehr erfreulich, dass mittlerweile viele Unternehmensführungen ein anderes Menschenbild haben, als zum Beispiel Lidl, Tengelmann und Schlecker. Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter entlassen, um sie zu erheblich niedrigeren Löhnen in neu gegründeten Gesellschaften wieder einzustellen, oder wenn Mitarbeiter entlassen werden weil sie beim Abräumen nach einer Sitzung ein übrig gebliebenes Brötchen “stehlen” und essen, oder wenn Mitarbeiter in Umkleideräumen rechtswidrig durch Kameras ausspioniert werden, dann wundert es mich nicht, wenn das Rechtsempfinden von immer mehr Arbeitnehmern gestört wird und dadurch Arbeitgeber das Vertrauen und die Loyalität ihrer Mitarbeiter verlieren. Vertrauen muss erarbeitet werden, Vertrauen ist keine Einbahnstraße.

Selbstverständlich hat ein Arbeitgeber auch nach den neuesten Urteil des BAG viele Möglichkeiten, sich gegen einen Diebstahl oder gegen eine Unterschlagung zur Wehr zu setzen:

1) er hat die Möglichkeit, eine Abmahnung und im Wiederholungsfall eine fristlose Kündigung auszusprechen,

2) er hat die Möglichkeit, eine fristgerechte Kündigung aus verhaltensbedingten Gründen auszusprechen.

3) er kann einen Diebstahl bei der Polizei zur Anzeige zu bringen

… vorausgesetzt, er hat für alles dokumentierte Beweise.

Leider versäumen es viele Arbeitgeber, sich an die gesetzlichen Regeln zu halten, wie eine rechtswirksame Abmahnung und Kündigung ausgesprochen wird, oder sie kennen diese Regeln nicht genau. Dann scheint die Unterschlagung von 1,30 € gerade recht zu kommen, um diese als Grund für eine fristlose Kündigung anzugeben.

Es darf auch nicht sein, dass Bagatelldiebstähle von manchen Mitarbeitern vom Arbeitgeber geduldet werden, bei anderen Mitarbeitern jedoch sanktioniert werden. In solchen Fällen geht es dem Arbeitgeber wohl weniger um den entstandenen Schaden und um den Vertrauensbruch, sondern um einen Vorwand, einen bestimmten Mitarbeiter loszuwerden.

Das Urteil des BAG ist in meinen Augen sogar ein Urteil mit sehr viel Weitsicht, da es Arbeitgeber und Arbeitnehmer zwingt, Bagatellfälle intern zu klären. Es kommt bei der Beurteilung, ob es sich um einen Kündigungsgrund handelt, immer auf den Einzelfall an, denn nicht jeder Diebstahl und nicht jede Unterschlagung ist automatisch dazu geeignet, das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer maßgeblich zu stören.

Daher finde ich nicht, dass das BAG-Urteil das Werteverständnis im Berufsleben ad absurdum führt, im Gegenteil: das wichtigste im Unternehmen sind die Menschen und Menschen machen Fehler. Es ist die Pflicht eines Arbeitgebers, sich mit den Menschen auseinander zusetzen. Was sagt das über die Wertschätzung von Menschen aus, wenn ein Mitarbeiter wegen Unterschlagung eines gefundenen 1,30 € Kassenbons fristlos entlassen wird?

Der Autor nennt das Beispiel einer langen freundschaftlichen Beziehung. Was muss passieren, damit jemand sagt: „Das hätte ich nie von dir gedacht!“? Wenn zum Beispiel ein langjähriger guter Freund ohne zu fragen aus einer Obstschale im Wohnzimmer einen Apfel entnimmt und isst, dann wird niemand deshalb die Freundschaft beendeten. Es muss also schon etwas wirklich Schwerwiegendes passieren, um eine langjährige Freundschaft zu beenden und so sollte es auch bei Arbeitsverhältnissen sein.

Meiner Ansicht nach ist das BAG-Urteil eine überfällige mahnende Botschaft für all jene Arbeitgeber, die Bagatellvergehen in der Vergangenheit gerne als Vorwand für eine Kündigung benutzt haben. Wer aber als Arbeitgeber Beweise sammelt und Vergehen von Mitarbeitern dokumentiert und abmahnt, wird auch in Zukunft keine Probleme bei ordentlichen und fristlosen Kündigungen haben.

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